06. Eigenheim auf 5m²

Vor einigen Jahren wurde ein kultiger Werbespot der LBS ausgestrahlt: Wir befinden uns auf einem ranzigen Campingplatz. Ein kulleräugiges Mädchen berichtet ihrem Hippie-Daddy („Horst“) von der Wohnsituation ihrer Bekannten, was Hippie-Daddy gekonnt mit „Sind doch alles Spießer“ zu parieren weiß. Töchterchen aber verpasst dem Erziehungsberechtigen und dessen moralisch-pädagogischen Maximen einen subtilen Arschtritt, indem sie ein süßliches „Wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden“ flötet.

Unzweifelhaft eine philosophische Annäherung an die deutsche Mentalität im Allgemeinen sowie die Camper-Seele im Speziellen, die letztlich in der Frage endet: sind wir nicht alle ein bisschen Spießer? Ein fleischgewordener Anti-Horst, nach Sicherheit und Besitztümern strebend, wohlig eingebettet in der eigenen, kleinen Welt.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Das muss nicht unbedingt was Schlechtes sein. Wer sich nun aber den Spaß gönnen möchte, überwiegend von Deutschen besiedelte Campingplätze anzusteuern, dem sei eines mit auf den Weg gegeben: Der Deutsche ist wie immer höchst gewissenhaft, selbst in der Kultivierung von Klischees. So wandelt man zwischen Großraum-Wohnmobilen mit Satellitenschüsseln und Maxi-Markisen (ganz wichtig, da überdimensionierter Handtuch-Ersatz zur Markierung des Territoriums). Auf dem Grill brutzeln deutsche Würstchen, da die Verkostung der landestypischen Kulinarik doch zu viele Unabwägbarkeiten mit sich brächte. Ausnahmen bilden lediglich Pizza und Pasta, da diese längst als deutsche Kulturgüter eingemeindet wurden. Und obwohl man seit 35 Jahren jeden Sommer auf genau diesem Campingplatz verweilt, ist man nicht einer Vokabel der hiesigen Landessprache mächtig. Abweichungen vom alltäglichen Dasein (von der Sonnenscheindauer abgesehen) = intolerabel.

Nun bringt eine solche Verallgemeinerung selbstverständlich gewisse Unschärfen mit sich. Das war uns aber egal, so wollten wir nicht enden. Wir waren Horst. Kampf dem Kleingeist und dem Spießer!

Dieser Revoluzzergeist tobte gerade so lange in uns, bis die Details des Innenausbaus thematisiert wurden. Im Zelt schlafen? Ach nö, das ist ja voll unbequem. Sollten schon Matratzen sein inklusive Bettzeug und kuschligen Kopfkissen. So ein winziger Campingkocher, ich weiß ja auch nicht… Schon eher was mit Bums, falls wir mal auf nem Campingplatz stehen und spontan 20, völlig fremde Mit-Camper zum Essen einladen wollen. Es gibt kleine Kühlschränke, echt jetzt? Brauchen wir, ist klar.

David schraubte monatelang an Theo und integrierte an jeder Ecke voll fancy Raffinessen. Theos ehemals nackter Transporter-Innenraum verwandelte sich zusehends in einen Lifestyle-Tempel. Menschliche Grundbedürfnisse wollten hier nicht gestillt, sondern zelebriert werden: Eine verwegene, höhenverstellbare Tischkonstruktion erweitert den Wohnraum nach draußen, der Kühlschrank verfügt selbstverständlich über eine Gefrierfunktion, das in der Decke eingelassene LED-Band sorgt für stimmungsvolle Beleuchtung und fließendes Wasser beziehen wir aus einem von David eigenes konstruierten Wasserhahn, der mit einer komfortablen Touch-Funktion aufwartet.

Und schließlich, in einem Augenblick der Klarheit, dämmerte es mir: Wenn ich mal groß bin, will ich auch mal Spießer werden.

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