07.2. Von Entdeckergeist und italienischen Straßen

Als wir uns damals auf die Suche nach einem fahrbaren Untersatz für unsere Camper-Ambitionen machten, klapperten wir diverse (entweder komplett überteuerte oder schon völlig durchgerostete) Vehikel ab, bis uns meine Mama bei einem Heimatbesuch auf ein Zeitungsinserat hinwies. Dort stehe ein VW-Bus zum Verkauf, wir könnten uns das ja mal ansehen. Ja klar, Mama. Zeitungsinserat. Als ob heutzutage noch irgendwer in der ZEITUNG inserieren würde. Also echt.

Da der VW nur wenige Kilometer entfernt feilgeboten wurde und ich nicht riskieren wollte, als undankbare Tochter dazustehen, fuhren wir trotzdem hin, um uns das Teil anzusehen. Und da stand er dann, der kleine Theo (der damals natürlich noch nicht Theo hieß) und glubschte uns herzerweichend an. Kurz darauf war der Kauf mit einem Handschlag besiegelt und mich beschlich ein schlechtes Gewissen wegen der Zeitungsinserat-Sache. Vielleicht sollte ich doch öfter auf meine Eltern hören.

Theos damalige Besitzer, ein nettes älteres Ehepaar, sagten allen anderen Interessenten ab und gingen sogar noch etwas im Preis runter. Vielleicht spürten sie, dass ihr Auto bei uns Familienanschluss finden würde. Von einem Ohr zum anderen strahlend fuhren wir vom Hof, hinein in eine golden glimmende Zukunft.

Daran musste ich denken, als ich meinen grausam schmerzenden Nacken mit einem Schal verhüllte. Gähnend, mit fahlen Gesichtern und tiefen Augenringen aßen wir ein schnelles Frühstück. Klar, dass der Beginn einer Beziehung manchmal ein wenig holprig ist. Aber dass die erste Nacht dann derart scheiße wird… Ich stieß meines steifen Nackens wegen ein paar bitterliche Klagelaute aus und versank in Tagträumen von kuscheligen Hotelbetten. Aber dann fiel mein Blick auf Theo, der unschuldig aus seinen Scheinwerfern linste, und da besann ich mich. Schickimicki konnten wir woanders machen. Kolumbus, Magellan oder Cook hatten sicher auch nicht in hübschen Hotels gepennt. Also verbot ich mir das Jammern, der Lago Maggiore wartete ja quasi nur darauf, von uns erkundet zu werden.

Zuerst entschieden wir uns, das mitgeführte Fertigfutter zu ignorieren, das war ja nicht zumutbar, und einen italienischen Supermarkt zu plündern. Stolz nahmen wir die glitzernden und eigentlich recht scheußlichen Treuesticker entgegen, mit denen wir umgehend Theos Interieur verschönerten.

Den überraschend warmen Tag verbrachten wir gemütlich chillend am Seeufer, futterten einen großen Haufen frischgekochter Pasta und mit einem Mal kam tatsächlich sowas wie Urlaubsflair auf. Für den Abend hatten wir – unseres Stellplatzführers sei Dank – am Lago d‘Orta, einem kleinen Nachbarsee des Lago Maggiores, einen Übernachtungsplatz auserkoren. Laut Beschreibung habe man da einen ganz netten Blick. Also Koordinaten ins Navi („Claudia“) gekloppt und ab ging‘s. Wir hätten stutzig werden sollen, als Claudia uns in eine kleine Seitenstraße lotste, die so winzig war, dass sie den Namen nur bedingt verdiente. Aber unser Abenteurergeist war ungebrochen, also immer weiter, über hübsche Wiesen, direkt in ein kleines Dorf. David fuhr plötzlich langsamer und erst jetzt bemerkte ich die Engstelle, die sich vor uns auftat. Keine 1,80m breit und von beiden Seiten flankiert von dicken Steinmauern. David schüttelte den Kopf, da kämen wir nicht durch. Aber es sei ausgeschlossen, den ganzen Weg rückwärts zurückzufahren. Wie zur Bestätigung des gerade Gesagten kam in der engen Straße hinter uns ein Fiat zum Stehen. Ich erkundigte mich mit schriller Stimme, die aufkeimende Panik nur notdürftig verhüllend, ob David eine Idee zur Lösung dieser unerquicklichen Situation habe. Die hätte er, meinte er stoisch, Theo sei 1,60m breit, er müsse halt etwas den Bauch einziehen. Millimeterweise und mit eingeklappten Seitenspiegel tasteten wir uns vor. Mittlerweile war das halbe Dorf zusammengekommen, um süffisant grinsend zwei schweißnasse Deutsche dabei zu beobachten, wie sie sich an den Schönheiten des italienischen Straßenbaus erfreuten. Eine halbe Ewigkeit und zwei mittelschwere Nervenzusammenbrüche meinerseits später waren wir endlich durch. Zitternd stellte ich fest, dass der Umweg über das Dorf im Grunde unnötig gewesen wäre, wir hätten auch einfach auf der Schnellstraße bleiben können. Claudia wurde an diesem Abend so ausschweifend beschimpft, dass ich dies hier nicht wiedergeben möchte. Ihre Reaktion war allerdings überraschend uneinsichtig. Wenn möglich, bitte wenden. Wirklich sehr komisch!

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