08. Wenn ich groß bin, werd ich Medien

Feuertaufe bestanden, Lago Maggiore umrundet, noch am Leben. Die Protagonisten der zahlreichen Survival-Dokutainments (bei denen sich stahlharte Naturburschen durch Regenwälder kämpfen, Maden als Eiweißquelle anpreisen und ihr T-Shirt anpinkeln, um sich die Verdunstungskälte zu Nutze zu machen) waren im Grunde nur bedauernswerte, medial gepushte Pseudoabenteurer mit zweifelhaften Hygienegewohnheiten. Wir aber hatten ECHTE Entbehrungen erduldet und vier Tage lang den Annehmlichkeiten der Zivilisation entsagt. Vermutlich waren wir es, die demnächst von einem Fernsehteam begleitet würden, um zur besten Sendezeit einen Hauch von Abenteuer in deutschen Wohnzimmern zu verstreuen.

Ganz erstaunlich übrigens, wie viele solcher Formate durch die deutsche Fernsehlandschaft geistern, von diversen Reisedokus oder Campingreportagen mal ganz abgesehen. Ich persönlich steh da ja voll drauf. Erinnere mich gut daran, als ich vor einiger Zeit wie gebannt vor der Glotze hing und mir eine mehrteilige Monumental-Doku über die Panamericana reinzog – jener legendären Route, die den amerikanischen Kontinent von Alaska bis Feuerland durchschneidet. Ich lümmelte auf der Couch, die Chipstüte griffbereit, und sog mich voll mit Bildern, die so gar nicht in meine cleane Welt passen mochten (Anm. d. Verf.: So clean nun auch wieder nicht, Staubsaugen ödet mich an). Man sah staubige Straßen, bizarr gezackte Berge, endlose Weite, noch mehr staubige Straßen. Und irgendwann lief der Abspann und ich blieb zurück mit ein paar Wollmäusen und heftigem, bittersüßen Fernweh.

In Amerika hätte man dafür bestimmt wen verklagen können, aber hierzulande war dieser tiefe Kummer nur durch den Verzehr der kompletten Chipstüte zu sublimieren. Als ich halb komatös auf das Sofa sank, dachte ich über Konsum nach. Wenn man es genau nahm, hatte eben dieses Grundprinzip kapitalistischer Gesellschaftsordnungen meinen Fernsehabend ebenso nachhaltig wie erfolgreich dominiert: Ich konsumierte ein Gefühl. Eine köstlich duftende Mischung aus Aussteigerromantik und Abenteurer-Attitüde, hübsch drapiert und verzehrfertig. Und nachdem ich mich ausgiebig daran gelabt hatte, kehrte ich schließlich fast erleichtert zurück ins wahre Leben, in dem es so schön sicher ist und sauber und bevorzugt keimfrei. Katharsis mal anders, scheiß auf griechische Tragödie. Doch aller seelischen Reinigung zum Trotze: die nächsten Tage waren hart. Das Ideal von grenzenloser Freiheit wühlte in meinen Eingeweiden wie heftige Hungerattacken. Erst hatte mich Walt Disney auf ewig für‘s Leben versaut, indem er mir Bilder von männlichen Aristokraten auf weißen Gäulen ins Hirn einbrannte, und jetzt das. Man konnte ja über Medien sagen, was man wollte, aber ihre Deutungsmacht in all ihrer ambivalenten Schönheit war echt porno. Ich glaub, wenn ich groß bin, werd ich auch mal Medien.

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