09. Seele baumeln kann doch jeder

Endlich Urlaub! Eine sattgrüne Insel im träge wabernden Alltagsdunst. Mit letzter Kraft schleifst du dich durch die letzten Wochen, nur noch neun mal schlafen. In der letzten Nacht vor Abreise tust du kein Auge zu. Du könntest sagen, du bist so aufgeregt – wie damals, als du auf das Christkind gewartet hast. In Wahrheit bist du für sowas zu erschöpft.

Schon die Festlegung des diesjährigen Reiseziels hat dir alles abverlangt. Beinahe hättet ihr eine Paartherapie in Anspruch genommen. Immerhin redet ihr seit einer Woche wieder miteinander. Darüber hinaus jedes verdammte Kaufhaus der westlichen Hemisphäre nach dem perfekten Bikini durchwühlt. Dabei waren deine Ansprüche bescheiden: Modisch, bezahlbar und dezent verschlankend. Nur fünf Kilo oder so, man erwartet ja keine Wunder. Mittlerweile ziehst du eine Schwimm-Burka in Betracht. Kofferpacken als Grenzerfahrung. Den Reißverschluss bekamst du locker zu (d.h. du warfst dich mit deinem ganzen Körpergewicht auf das widerspenstige Gepäckstück), dann aber ein unheilvolles RATSCH. Minderwertiger Schund, aber echt. Ganze Nacht mit Flicken beschäftigt. Der letzte Arbeitstag. Du hast keine Ahnung, wie du ins Büro gekommen bist. Schon vor dem ersten Kaffee lässt dein Chef einen Stapel Papierkram auf deinen Schreibtisch krachen. Ob du dir das nochmal „ganz kurz“ ansehen könntest. Ist dringend, klar. Du überlegst dir, ob du dich aus Effizienzgründen direkt unter die Kaffeemaschine legen sollst. Verwirfst die Idee mit Blick auf deine weiße Bluse. Nur kurz hyperventilieren, keine Zeit für mehr. Sieben Uhr abends, du solltest langsam los, nur noch eine E-Mail. Kurz vor acht, kam noch was dazwischen. Du sprintest in hohen Hacken aus dem Büro, gleich zwei Nahtoderfahrungen, Kopfsteinpflaster ist ein Arsch.

Ihr seid die ganze Nacht unterwegs, du hast inzwischen siebenundvierzig Stunden nicht geschlafen. Als ihr endlich ankommt, brichst du schnarchend zusammen. An die folgenden drei Tage fehlt dir jede Erinnerung. Am vierten Tag wieder bei Bewusstsein. Nur siebzehn verpasste Anrufe auf deinem Diensthandy. Losgerannt, beste Liege ausgecheckt, darauf liegendes Handtuch unauffällig entfernt. Opfer eines sehr unfreundlichen Rentnerpaares geworden, das Liege als ihr Eigentum deklarierte. Kapitalistenschweine. Der Klügere gibt nach, also andere Liege beschlagnahmt. Lecker Sommerbräune kommt nicht von ungefähr. Achteinhalb Minuten lang versuchst du dich am la dolce far niente, aber die Leichtigkeit des Seins ist dir dann doch zu krass. Einfach nur rumliegen wie gebratenes Fleisch, du weißt ja auch nicht. Also galoppierst du weiter und am Ende des Tages hast du Blasen an den Flipflop-bereiften Hufen. Nach Instagram-tauglichem Abendessen noch ein paar Selfies mit Schatzi bei Sonnenuntergang. Dreihundertachtundzwanzig Facebook-Likes in den ersten zwei Stunden. Läuft. Die nächsten Tage ähnlich und gerade als du glaubst, ein Fünkchen Entspannung ermächtigt sich deiner (du checkst nur noch fünfmal stündlich das Diensthandy PLUS hältst es schon zweiundzwanzig Minuten ohne Murren auf der Liege aus!), ist es Zeit für‘s Packen.

Wieder zurück, sagst du allen, wie toll dein Urlaub war. Der beste überhaupt. Und das Staunen der Kollegen gibt dir recht. Du rechnest nach, wann der nächste Urlaub ist, und brichst fast in Tränen aus. Nach Arbeiten ist dir jetzt irgendwie nicht so. Doch schon zweieinhalb Stunden und zweihundertsiebenundsechzig E-Mails später, ist es, als wärst du nie weg gewesen. Die Urlaubsbilder verblassen im träge wabernden Alltagsdunst und du bist erleichtert, denn du weißt ja, dass Urlaub den Charakter verdirbt.

 

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