10.2 Nebel des Grauens

Es war einmal in einem Auto, das Theo hieß. Finster war‘s in jenem dunkel schwarzen Wald. Die Uhr hatte wohl schon Mitternacht geschlagen. Nebel schmiegte sich um das Gehölz, verschluckte das Licht und hüllte die Welt in wabernde Düsternis. Es waren dort zwei Menschen, die schliefen. Na gut, nur einer schlief.

Ich starrte in die Dunkelheit. An Schlaf war nicht zu denken. Etwas stimmte nicht. Ein sonderbares Gefühl hatte mich beschlichen und ließ mich nicht los. Eine dunkle Ahnung vielleicht. Mein Herz pochte schmerzhaft. Ganz still lag ich da und lauschte. Nur das Flüstern des Baches war zu hören und das Rauschen des Waldes. Und dann schrak ich hoch. Ich versuchte zu flüstern, doch meine Stimme überschlug sich. „David, hast du das gehört?“ Ich rüttelte an seinem Arm, er blinzelte in die Dunkelheit. „Da ist jemand“, hauchte ich. Mein ganzer Körper war starr vor Angst. „Jemand schleicht ums Auto.“ Ich hörte die Panik in meiner Stimme. Langsam, möglichst leise, näherte ich mich dem Fenster und spähte in die Nacht. Unter dem dumpfen Licht der Straßenlampen sah man einen Mann. Der Nebel zerrte an ihm und ließ ihn verschwimmen. Er hatte etwas Rotes bei sich, einen Rucksack vielleicht. Ich wagte kaum zu atmen. Als David neben mir erschien, deutete ich wortlos und starr auf den Unbekannten.

Der sei doch reichlich weit weg, stellte David fest. Und außerdem marschiere er in die entgegengesetzte Richtung. An diesen Beobachtungen war formallogisch nicht direkt was auszusetzen. Ruhigen Schrittes ging der Unbekannte weiter bis der Nebel ihn vollends verschluckte. Aber da ich noch immer schlotterte, erbot sich David, trotzdem mal nach draußen gehen und nachzusehen. Wenn es mich denn beruhige. Das tat es irgendwie. Aber irgendwie auch nicht. Vielleicht schlich da draußen ein Serienkiller rum. Überhaupt wäre Stephen King wohl hingerissen vom dargebotenen Szenario: ein junges Pärchen, Wald, Nacht, Nebel. Yeah.

Als David (lebend!) zurück in den Wagen kletterte, war ich so erleichtert, dass ich ihn mit meiner Umarmung fast erdrosselte. Als er wieder atmen konnte, versicherte er mir, dass da draußen niemand sei, dass ich bestimmt ein Tier gehört habe und mich jetzt wieder schlafen legen könne. Genau das tat ich, brav und artig und um nicht als vollkommene Irre in die Annalen einzugehen. Seltsamerweise fiel ich sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Und als sich am nächsten Morgen die Nebelschwaden verzogen hatten und die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume blitzten, lag der Schwarzwald vor uns in all seinem märchenhaften Kitsch. Und das Gezeter der letzten Nacht erschien sogar mir ein klitzeklein wenig hysterisch.

Aber vielleicht sollte ich bei Gelegenheit den alten Stephen anrufen. Ich hätt‘ da mal ein paar Ideen.

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