11.1 Zu Hause ist es doch am schönsten

Sechs Uhr fünfzehn. Nur noch fünf Minuten, Mutti. Nachdem ich den Wecker zum dritten Mal in den Snooze-Modus versetzt habe, gibt mir David einen beherzten Tritt. Ist ja gut. Nur noch kurz das Bad finden. Ein paarmal falsch abgebogen, diese Wohnung ist echt lächerlich groß. Kurzzeitig erblindet, das Licht im Badezimmer grenzt an Körperverletzung. Aber schon beim Pinkeln ein erster Glücksrausch: Spülung drücken und fertig. Kaum zu glauben, wie einfach das war. Ich drücke nochmal, weil‘s so schön ist. Als ich den Wasserhahn aufdrehe und mir heißes Wasser entgegenströmt, hüpfe ich wie ein Flummi durchs Bad. Man kann ja über Campen denken, was man möchte. Aber es erdet.

Ich freue mich noch ein bisschen und dann stürme ich aus dem Haus, hinein in den Sturm. Das spanische Wetter fehlt mir ein bisschen, aber zuviel Sonne ist ja eh nicht gut für die Haut. Vermummte Gestalten kreuzen meinen Weg, ich trällere ein fröhliches „Guten Morgen“ und sie sehen mich an, als sei ich nicht ganz dicht. Auch wieder wahr. Als ich in der S-Bahn sitze, versinke ich in Gedanken. Kommt mir vor, als seien wir ewig weg gewesen. Unsere allererste große Theo-Tour, unendliche zwei Wochen lang. Vergnügt grinse ich in mich hinein. Die Frau mir gegenüber sieht mich an als wäre ich auf Crack. Gute Laune macht verdächtig, das hatte ich verdrängt. Bemühe mich also um ein wenig Ernst. Geht besser als ich dachte. Nur die Merkelschen Mundwinkel bereiten mir ein paar Probleme. Aber als der S-Bahnfahrer eine kleine Verspätung durchsagt, kriege ich auch das locker hin. Außerdem schnaube ich genervt, das kommt immer gut. Als mich jemand versehentlich anrempelt, bin ich kurz davor, mich mit ihm zu prügeln. Die Frau gegenüber ignoriert mich jetzt. Ha, Resozialisierung geglückt! Als ich mit großen, hastigen Schritten aus der S-Bahn steige, ist mein Blick entschlossen ins Leere geheftet. Ein sublimer Code für: Ich bin wichtig, ich hab‘s eilig – fuck off, bitches. Links überholen auf der Rolltreppe, Stillstand tötet. Meine Absätze klappern drohend, ich scherze nicht. Die U-Bahn platzt aus allen Nähten und ein hochrot angelaufener Mensch quetscht einen brüllenden Kinderwagen in den überfüllten Gang. Mit hilflosem Gerüttel und vorsprachlichen Lauten wird das Balg bespaßt, doch es steigert sein Gebrüll minütlich. Auf dem hellblauen Hemd meines Nachbarn haben sich unterdessen an Rücken und Achseln ebenso pittoreske wie großformatige dunkelblaue Flecken gebildet. Das ganze Abteil verströmt den Odeur eines Affengeheges. Als sich sowohl Tinnitus als auch Übelkeit bis ins Unerträgliche gesteigert haben und ich wirklich für gar nichts mehr garantieren kann, wird endlich meine Haltestelle durchgesagt. Beim Aussteigen genieße ich intimen Körperkontakt mit ungefähr 30 völlig Fremden und werde dann durch eine gesichtslose Masse an die Oberfläche geschwemmt. Als ich mich ins Büro schleife, fühle ich den dringenden Impuls, mich drei bis fünf Stunden lang zu duschen. Schön, dass du wieder da bist, begrüßt mich meine Kollegin fröhlich. Ich sinke erschöpft auf meinen Stuhl. Schön, wieder hier zu sein.

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