11.3 Hunger

Es muss ein paar Jahre her sein. Ich lief durch München, es war bitterlich kalt, aber – vermutlich ist mir dieser Tag deshalb so im Gedächtnis geblieben – ich war ausgesprochen heiter, entgegen aller Ratio und sonstiger Gewohnheit. Ich flaniere also vergnügt durch die Stadt, als mein Blick auf einen Mann fällt. Er kauert auf dem Gehsteig, neben sich ein Stück Karton. Darauf hat er in großen Buchstaben einen Satz gemalt: Ich habe Hunger. Ich also voll Gutmensch und so, stürme zum nächsten Bäcker und kaufe dem Mann etwas zu essen. Ein tiefes Gefühl von Selbstzufriedenheit durchflutet mich. Mit dem erhebenden Wissen, eine gute Tat zu vollbringen, und mit der Hoffnung, dass mir in naher Zukunft ein Heiligenschein wachse, gehe ich zu ihm und überreiche ihm strahlend meine Ausbeute. Ich erwarte jetzt nicht, dass er mir die Füße abschlabbert oder sich meinen Namen auf den Unterarm tätowiert. Ein kleines Danke wäre vollkommen ausreichend. Was mir aber entgegenschlägt, ist etwas fundamental anderes: Unverständnis und komplette Irritation. Ich deute auf das Schild, auf dem immer noch ‚Ich habe Hunger‘ steht, der beschränkte Beschenkte versteht jetzt und nimmt Krapfen und Butterbreze großmütig entgegen. Eigentlich hätte ich ihm das Gebäck wieder entreißen sollen und alles selber fressen. Aber zu perplex. Die gute Stimmung ist futsch, die Chance auf einen Heiligenschein wohl auch. Mal ernsthaft, wenigstens seine Marketingstrategie könnte dieser Pisser anpassen. Mit einem Slogan wie: ‚Rolex kaputt‘ oder ‚Arbeit ist öde‘ wüssten wenigstens alle Bescheid.

Wir hatten bei unserer zweiwöchigen Spanien-Tour mittlerweile Valencia erreicht. Oder genauer gesagt einen Campingplatz etwas außerhalb, am Rande eines Vogelschutzgebiets. Kleine Anekdote am Rande: Ich dachte noch allen Ernstes, dass ein Vogelschutzgebiet eine gute Idee sei. Viel Natur und so. Das mit der Natur stimmte auch. Unglücklicherweise handelte es sich hierbei um ein großflächiges Sumpfgebiet. Die Vögel hatten Spaß, weil Nahrung soweit das Auge reicht, Camper hatten Spaß, weil man gar nichts mehr sah vor lauter Mücken. Mit insektenstichgeschwollenen Gliedern und annähernd blutleer schleppten wir uns also in die valencianische Innenstadt. Zur Mittagszeit beschlossen wir, uns durch ein gutes Essen versöhnlich zu stimmen, nahmen Platz auf einer lauschigen Terrasse und orderten Fisch und Paella. Es mundete vorzüglich und wir waren gerade in ein tiefsinniges Gespräch vertieft, als uns ein junger Spanier in gebrochenem Englisch ansprach. Er brauche Geld. Er sei hungrig. Ah ja, irgendwas klingelte da bei mir. Ich ging physisch wie emotional in Abwehrhaltung, hauchte ein eisiges ‚No‘ und wandte mich wieder meinem Essen zu. David aber hielt ihn zurück. ‚You‘re hungry?‘ Der Fremde nickte. ‚So take a seat and eat with us.‘ Der Fremde und ich starrten ihn entgeistert an. Der junge Spanier, etwa in unserem Alter, fing sich aber schnell und setzte sich. Nicht dass wir uns das noch einmal anders überlegten. David orderte einen weiteren Teller, schichtete etwas von seiner Paella darauf und reichte sie unserem Gast. Der schlang, als sei das sein erstes Essen seit Tagen. Und ich stocherte auf meinem Teller herum und hoffte, dass sich irgendwo der Boden auftun möge. Es war also amtlich: Das mit dem Heiligenschein konnte ich mir in diesem Leben abschminken. Ich war hochoffiziell ein Arschloch.

Bild: Jani Leinonen, Anything Helps, 2009-2015 in: ARoS Aarhus / Denmark

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