11.4 El Pequeño

Abzocke! Touristenfalle! Angewidert gehe ich vorüber. Amoralisch ist das. Ein babylonischer Sündenpfuhl mitten im Gewimmel strohhutbedeckter Erholungssuchender. Überall recken sich Hände in die Menge, sie halten Sonnenbrillen und Lederbänder, Ringe oder Plastikschrott. Habe nie verstanden, warum man Geld für Souvenirs ausgeben sollte. Zumal sich die hier feilgebotenen Qualitätsprodukte aller Voraussicht nach in wenigen Stunden sowieso von selbst atomisieren.

Ein paar Verkäufer werden zudringlich, einer nennt mich Shakira. Fühle mich verarscht, mein Hintern ist sicher doppelt so breit. Wenn du schon versuchst, mich mit sogenannten Komplimenten zum Kaufen zu bewegen: try harder! Meine touristische Contenance zerfließt zusammen mit Restwürde und Visage. Sauheiß hier. Werde nölig. Welcher Vollmongo wollte gleich nochmal herkommen? David starrt mich fassungslos an: Na, du! Verflucht, könnte sein, dass er Recht hat. Das ist jetzt unerfreulich. Ich ringe um Fassung (mäßig erfolgreich) und suche nach Abkühlung für mein erhitztes Gemüt. Vielleicht doch so ein Plastikpropellerdingsbums?

Sagen wir es einmal so: Halte mich für eher eingeschränkt geeignet für Besuche in Hochburgen touristischer Aktivität. Und nun fahren wir nach Ronda, einem laut Reiseführer touristisch regelrecht überfluteten Städtchen südöstlich von Sevilla. Kann‘s kaum erwarten. Mit etwas Glück verliere ich ein Auge, wenn einer der Touriguides mit seinem bunten Fähnchen in der Gegend rumfuchtelt. Ob mich der Straßenhändler dann Jack Sparrow nennt?

Das Städtchen ist süß und selbstverständlich gibt es auch hier etliche Souvenirshops. Während ich an ihnen vorüber schlendere, denke ich über Erinnerungen nach. Wie dekadent, unter diesem fadenscheinigen Vorwand immer noch mehr Besitztümer anzuhäufen. Bedingungslose Kapitalismuskritik brodelt in mir hoch, ich verspüre kurz eine heftige Abscheu gegen Konsum im Allgemeinen. Mein Blick wandert überlegen über die Auslagen der Schaufenster. Plötzlich stoße ich einen spitzen Schrei aus, mehrere Passanten drehen sich zu mir um.

Ich zerre David in das Geschäft, vor einer Keramik-Spardose in Bulliform kommen wir zum Stehen. Ich will, ich brauche!!, blubbert es aus mir heraus. David sieht mich an wie er mich immer ansieht, wenn er denkt, ich habe soeben vollständig den Verstand verloren. Was sollen wir denn jetzt damit? Ich habe mir die Spardose bereits ans Herz gedrückt. El Pequeño, der Kleine, hauche ich verzückt. David sagt nur: Aha. Er macht sich ganz offensichtlich ernsthaft Sorgen um meinen Geisteszustand. Und es wird nicht besser, als er nach dem Preisschild greift. Es kommt ja vor allem auf den emotionalen Wert an, erkläre ich und entreiße ihm das kleine Schild mit dem großen Eurozeichen. Zudem gebe ich zu bedenken: Auch ein Plastikpropellerdingsbums zum Beispiel kann einen großen emotionalen Wert haben, wenn es einen Amoklauf auf einem Straßenmarkt verhindert.

Das sollte jetzt gar nicht als Drohung rüberkommen, aber scheinbar wurde es als solche aufgefasst. Ups. Jedenfalls durfte El Pequeño mitkommen und es sich auf Theos Armaturenbrett gemütlich machen. Seitdem sitzt er da und erinnert uns an Ronda und bedingungslose Kapitalismuskritik.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s