11.5 Aus dem Leben eines Kleinkinds

„Huuu-nger!“ Ich stampfe mit den Füßen auf. Wenn ich hungrig bin (und zu diversen anderen Anlässen; wir werden darauf zurückkommen), mutiere ich zu einer Dreijährigen. „Hab dich ja gehört“, antwortet David trocken. Kann fühlen, wie mir Pipi in die Augen steigt. Ich brauche jetzt Verständnis, Zuwendung und vor allem NAHRUNG, sonst wird die Dreijährige ganz schnell ganz ungemütlich. Wir gehen weiter, doch in diesem Nest gibt es weder Bäcker noch Supermarkt, nur einen Laden, der Taucherbrillen, Schwimmnudeln und sonstige Badeutensilien vertreibt. Ich bin kurz davor, meine Zähne in ein aufblasbares Krokodil zu versenken, als David auf eine kleine Fressbude deutet, vor der eine ganze Reihe Menschen Schlange stehen. Es gibt einen Gott! Als wir endlich an der Reihe sind, weiß ich immer noch nicht, was es hier eigentlich zu kaufen gibt. Aber weil ich zu schwach bin, um mir darüber großartig den Kopf zu zerbrechen, hauche ich mit versagender Stimme: „Para dos personas, por favor.“ Wie eine Maschinengewehrsalve regnet die Antwort der Verkäuferin auf mich herab. Kein Wort verstanden. Also hungrig gucken und nett lächeln. Wieder feuert die Verkäuferin irgendwas auf mich ab, wieder glotze ich nur verständnislos zurück. Im Zweifel nett weiterlächeln. Hinter mir wird man schon nervös. Ich fuchtel ein wenig in der Gegend rum, die Verkäuferin denkt deutlich sichtbar: „Scheiß Touris“, seufzt leise und beginnt mit der Zubereitung von irgendwas. Kurz darauf halte ich eine riesige Tüte mit warmen, herrlich duftenden Teigdingern in der Hand, welche die Verkäuferin zuletzt noch mit reichlich Zucker bestreut. Ich fühle mich wie sich Kinder fühlen, wenn man ihnen auf dem Rummel eine riesenhafte Zuckerwatte in die Hand drückt, und versenke meine Zähne genießerisch in die warme Sauerei1.

Meine Laune steigt dramatisch. Derart gestärkt beschließen wir, unsere Vorräte in der nächsten größeren Stadt aufzustocken, um die Rückkehr der Dreijährigen nicht unnötig zu provozieren. Aber: Zu spät. Bin heillos überzuckert. Ich turne auf dem Einkaufswagen herum, quäke „Schau mal, was ich kann!“ und stürme voraus in den Supermarkt. Dort gehen mir fast die Augen über. Hier gibt es ALLES. Kurzerhand kullere ich Autoreifen durch den Gang, schichte neue Badteppiche in den Einkaufswagen (beides muss David mir schließlich gewaltsam entreißen) und lege neben den Espressomaschinen spontan ein kleines Tänzchen hin. Und dabei waren wir noch gar nicht bei den Lebensmitteln. In der Gemüseabteilung stapel ich artischockenartiges Obst (?) mit dem verheißungsvollen Namen „Chirimoya²“ in den Wagen, dann noch eine eigenwillige Kreuzung (?) aus Apfel, Birne und Zitrone³. Anschließend galoppiere ich zur meterlangen Fischtheke, bei der man allerdings nur bedient wird, wenn man wie beim Amt eine Nummer zieht. Leider dämmert mir das erst nach einer Viertelstunde vergeblichen Wartens, aber egal, wenigstens Zeit genug, um meine Einkaufswagenkraxelei virtuos zu vervollkommnen. Ich ordere Fisch, den ich nie zuvor gesehen, geschweige denn zubereitet habe und rollere den Einkaufswagen in bester Laune in die Süßwarenabteilung. Hier gibt es ganz cooles Zeug und ich will alles einmal kosten. Als David mir untersagt, eine fünfte „Probierpackung“ Kekse einzuladen, bin ich kurz davor, mich auf dem Supermarktboden zu wälzen und laut loszuheulen. Irgendwie kann er mich aber ruhig stellen (ich glaube er verspricht mir Sticker) und tatsächlich schiebt uns die nette Frau an der Kasse eine große Ladung Star Wars-Sammelsticker zu. Jetzt ist alles wieder gut. Als wir den Monstereinkauf endlich verladen haben, liegt Theo um einige Zentimeter tiefer. Zufrieden nuckel ich an meinem Saft und kuschel mich in den Beifahrersitz. Ich wundere mich kurz, warum in meinem Leben so vieles so alltäglich ist. So alltäglich sogar, dass ich dabei ganz vergaß, manchmal noch zu staunen. Dann fallen mir die Äuglein zu.

1 Meinen Recherchen zufolge waren das „Calientes“ bzw.Porras“, also die korpulenten Brüder der in Spanien äußerst populären „Churros“. Ist im Prinzip sowas wie Krapfen, aber länglich, sündig und SO gut.

2 Definitiv Obst. Weißes Fruchtfleisch, das cremig und süß auf der Zunge zergeht. Leicht zitronig und mmmh…

³ Der botanisch versierte Leser ahnt es längst: Es war eine Quitte. Nachdem ich meine Zähne ganz unbedarft in das Teil versenkt habe, kann ich mich allerdings der Empfehlung anschließen, vom Rohverzehr doch besser abzusehen…

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s