12. Gedanken einer Einparkenden ODER: Irgendwas mit Menschen

Liebe Lesende, dies zu erfahren, wird euch gewiss überraschen, vielleicht erschüttert es euch auch. Denn was ich euch nun sagen will, ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

[dramatische Musik ertönt, bevorzugt die ersten Takte von Beethovens Fünfter]

Wenn man Auto fährt, dann kann es vorkommen, dass man es irgendwo parken muss.

[Beethoven bricht ab, dramatische Stille]

Ihr findet das nicht jetzt nicht so besonders abenteuerlich? Na, dann macht euch auf was gefasst… Ich brauche wohl nicht anzumerken, dass sich das Einparken bei Theo – von der Servolenkung vielleicht abgesehen – noch immer voll analog vollzieht. Nix da mit Fahrassistenzsystem, Rückfahrkamera, Einparkhilfe. Stattdessen echte, dreckige Handarbeit wie zu Ur-Großmutters Zeiten.

Als wir auf den Parkplatz fahren, gebe ich mich noch kurz der Hoffnung hin, dass gleich ein adrett gekleideter Bursche auf uns zuspringt, sich gegen ein winziges Trinkgeld vor das Steuer klemmt und Theo dann in einem einzigen, geschmeidigen Zug in eine winzige Parklücke stopft. Nun, ihr ahnt es längst – von dem Kerl fehlt jede Spur. Ich spüre, wie Puls und Atem schneller werden, in meinem Kopf hämmert ein einziger Satz: Keine Panik. David sieht mich irgendwie merkwürdig an. Könnte sein, dass der Satz meinen Kopf verlassen und sich aus meinem Mund geschlichen hat. Verräter. Ich tue also so, als hätte ich nichts gesagt, lächle routiniert und tucker zur nächstbesten Parklücke.

Nun ist das mit dem rückwärts Einparken ja so eine Sache. Es gibt Bücher, deren Titel mit der vermeintlichen Tatsache kokettieren, dass Frauen das einfach nicht gebacken kriegen. Youtube ist voll mit Videos, die jubelnd auf diesen Zug aufspringen. Und von den ganzen „wissenschaftlichen“ Studien, die Frauen per se ein unterdurchschnittliches räumliches Vorstellungsvermögen attestieren, mal ganz zu schweigen. Hab wirklich keine Geduld für derart chauvinistische Klischee-Grütze. Aber eben darum drängt sich mir dann doch die Frage auf, warum mir der Angstschweiß in Strömen vom Körper rinnt.

Habe es zuerst (weil ich das immer tue, Berufskrankheit) mit einer tiefenpsychologischen Deutung versucht, konnte aber kein frühkindliches Einpark-Trauma lokalisieren (zumindest waren die Totalschäden an meinen Spielzeugautos nicht allein auf meine Einparkkünste zurückzuführen). Das Problem scheint also anders geartet und an dieser Stelle fällt mir just eines meiner Lieblingsthemen ein: die Mathematik. Nun ja, genau genommen gehört Mathe nicht zu meinen Lieblingsthemen und vielleicht ist genau das der springende Punkt. Ich war in der Schule immer gut in Deutsch und niemals gut in Mathe. Oder Physik. Oder Sport. Lassen wir das. Was ich damit sagen will – die ungleiche Verteilung meiner Talente hat mich nie sonderlich gestört. Irgendwann, es war noch in der Grundschule, hatte ich nämlich aufgeschnappt, dass Frauen halt eher „was mit Menschen machen“. Oder was mit Worten, meinetwegen. Natürlich ist eine solche Haltung prähistorisch. Doch weil sie meine persönlichen Vorlieben legitimierte, sah ich keine Veranlassung, sie zu hinterfragen. Leider übersah ich dabei ein winziges Detail: Wenn man etwas hört, dann muss es noch lange nicht wahr sein. Aber wenn man etwas glaubt, dann wird es wahr. Nicht unbedingt allgemeingültig wahr, natürlich nicht, aber zumindest wahr für einen selbst. Meine ganze Schulzeit über glaubte ich also religiös-fanatisch an die Wahrheit, dass ich zu blöd für Mathe bin. Und meine Noten gaben mir recht. Womöglich hätte ich einfach mal lernen sollen, statt diesen Glaubenssatz mantrisch zu zerkauen. Dann würde ich jetzt an Algorithmen basteln statt an Texten.

Was das alles mit meiner Einpark-Problematik zu tun hat, fragt ihr euch? Eine ganze Menge vielleicht. Denn unter Umständen waren auch hier bestimmte Glaubenssätze am Werk (die so populär sind, dass sie sogar Besteller-Buchtitel zieren). Und diese Glaubenssätze wabern lose durch die Köpfe, aber bei dem einen oder der anderen docken sie an. Und dann haben wir den Salat. Zumindest, wenn man vor einer Parklücke steht. Oder daneben halt. Ihr wisst schon.

Ich lege jedenfalls den Rückwärtsgang ein, blicke souverän in den Spiegel, Theo rollt. Wie war das noch gleich, anders einschlagen bei 45°? In diesem Augenblick aber geschieht Dramatisches. [wieder Beethoven] In diesem Augenblick nämlich mischt sich meine Mathe-Aversion in das Gemenge, grinst mich teuflisch an und lässt mich wissen, dass ich doch besser was mit Menschen machen sollte. Ich kann nicht mehr denken, denn Bilder von Dreiecken und Zirkeln und kariertem Papier mit sehr viel roter Tinte drängen sich in mein Bewusstsein. Ich bemerke nicht, dass Theo weiterrollt und dass David die Fingernägel in das Armaturenbrett krallt.

Erst als ein unheilvolles Dong! die intime Beziehung zwischen Bordstein und Reifen offiziell werden lässt, erwache ich aus meiner Paralyse. Ich kurble wie eine Wahnsinnige und wiederhole das Manöver, während ich mir selbst wiederholt Keine Panik! zuschreie. Aber das mit der Autosuggestion reißt es jetzt auch nicht mehr raus. Meine Seelenruhe ist ein für alle Mal fürn Arsch. David gibt mir gut gemeinte Ratschläge, ich brülle ihn an. Ein durchschnittlich harmonischer Samstagnachmittag. Nach fünf oder sechs weiteren Anläufen schmiegt sich Theo dannendlich – annehmbar gerade in die Parklücke. Während ich mir schweißnasse Strähnen aus dem Gesicht wische, mustert mich ein Typ genüsslich und schlendert dämlich grinsend an uns vorbei. All seine Frauen-Klischees wurden soeben bestätigt. Ein guter Tag für diesen Herrn und die Youtuber dieser Welt. Mittelprächtiger Tag für mich. Denn vermutlich bin ich die Tante, die ihr demnächst bei Youtube seht.

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