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12. Gedanken einer Einparkenden ODER: Irgendwas mit Menschen

Liebe Lesende, dies zu erfahren, wird euch gewiss überraschen, vielleicht erschüttert es euch auch. Denn was ich euch nun sagen will, ist die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

[dramatische Musik ertönt, bevorzugt die ersten Takte von Beethovens Fünfter]

Wenn man Auto fährt, dann kann es vorkommen, dass man es irgendwo parken muss.

[Beethoven bricht ab, dramatische Stille]

Ihr findet das nicht jetzt nicht so besonders abenteuerlich? Na, dann macht euch auf was gefasst… Ich brauche wohl nicht anzumerken, dass sich das Einparken bei Theo – von der Servolenkung vielleicht abgesehen – noch immer voll analog vollzieht. Nix da mit Fahrassistenzsystem, Rückfahrkamera, Einparkhilfe. Stattdessen echte, dreckige Handarbeit wie zu Ur-Großmutters Zeiten.

Als wir auf den Parkplatz fahren, gebe ich mich noch kurz der Hoffnung hin, dass gleich ein adrett gekleideter Bursche auf uns zuspringt, sich gegen ein winziges Trinkgeld vor das Steuer klemmt und Theo dann in einem einzigen, geschmeidigen Zug in eine winzige Parklücke stopft. Nun, ihr ahnt es längst – von dem Kerl fehlt jede Spur. Ich spüre, wie Puls und Atem schneller werden, in meinem Kopf hämmert ein einziger Satz: Keine Panik. David sieht mich irgendwie merkwürdig an. Könnte sein, dass der Satz meinen Kopf verlassen und sich aus meinem Mund geschlichen hat. Verräter. Ich tue also so, als hätte ich nichts gesagt, lächle routiniert und tucker zur nächstbesten Parklücke.

Nun ist das mit dem rückwärts Einparken ja so eine Sache. Es gibt Bücher, deren Titel mit der vermeintlichen Tatsache kokettieren, dass Frauen das einfach nicht gebacken kriegen. Youtube ist voll mit Videos, die jubelnd auf diesen Zug aufspringen. Und von den ganzen „wissenschaftlichen“ Studien, die Frauen per se ein unterdurchschnittliches räumliches Vorstellungsvermögen attestieren, mal ganz zu schweigen. Hab wirklich keine Geduld für derart chauvinistische Klischee-Grütze. Aber eben darum drängt sich mir dann doch die Frage auf, warum mir der Angstschweiß in Strömen vom Körper rinnt.

Habe es zuerst (weil ich das immer tue, Berufskrankheit) mit einer tiefenpsychologischen Deutung versucht, konnte aber kein frühkindliches Einpark-Trauma lokalisieren (zumindest waren die Totalschäden an meinen Spielzeugautos nicht allein auf meine Einparkkünste zurückzuführen). Das Problem scheint also anders geartet und an dieser Stelle fällt mir just eines meiner Lieblingsthemen ein: die Mathematik. Nun ja, genau genommen gehört Mathe nicht zu meinen Lieblingsthemen und vielleicht ist genau das der springende Punkt. Ich war in der Schule immer gut in Deutsch und niemals gut in Mathe. Oder Physik. Oder Sport. Lassen wir das. Was ich damit sagen will – die ungleiche Verteilung meiner Talente hat mich nie sonderlich gestört. Irgendwann, es war noch in der Grundschule, hatte ich nämlich aufgeschnappt, dass Frauen halt eher „was mit Menschen machen“. Oder was mit Worten, meinetwegen. Natürlich ist eine solche Haltung prähistorisch. Doch weil sie meine persönlichen Vorlieben legitimierte, sah ich keine Veranlassung, sie zu hinterfragen. Leider übersah ich dabei ein winziges Detail: Wenn man etwas hört, dann muss es noch lange nicht wahr sein. Aber wenn man etwas glaubt, dann wird es wahr. Nicht unbedingt allgemeingültig wahr, natürlich nicht, aber zumindest wahr für einen selbst. Meine ganze Schulzeit über glaubte ich also religiös-fanatisch an die Wahrheit, dass ich zu blöd für Mathe bin. Und meine Noten gaben mir recht. Womöglich hätte ich einfach mal lernen sollen, statt diesen Glaubenssatz mantrisch zu zerkauen. Dann würde ich jetzt an Algorithmen basteln statt an Texten.

Was das alles mit meiner Einpark-Problematik zu tun hat, fragt ihr euch? Eine ganze Menge vielleicht. Denn unter Umständen waren auch hier bestimmte Glaubenssätze am Werk (die so populär sind, dass sie sogar Besteller-Buchtitel zieren). Und diese Glaubenssätze wabern lose durch die Köpfe, aber bei dem einen oder der anderen docken sie an. Und dann haben wir den Salat. Zumindest, wenn man vor einer Parklücke steht. Oder daneben halt. Ihr wisst schon.

Ich lege jedenfalls den Rückwärtsgang ein, blicke souverän in den Spiegel, Theo rollt. Wie war das noch gleich, anders einschlagen bei 45°? In diesem Augenblick aber geschieht Dramatisches. [wieder Beethoven] In diesem Augenblick nämlich mischt sich meine Mathe-Aversion in das Gemenge, grinst mich teuflisch an und lässt mich wissen, dass ich doch besser was mit Menschen machen sollte. Ich kann nicht mehr denken, denn Bilder von Dreiecken und Zirkeln und kariertem Papier mit sehr viel roter Tinte drängen sich in mein Bewusstsein. Ich bemerke nicht, dass Theo weiterrollt und dass David die Fingernägel in das Armaturenbrett krallt.

Erst als ein unheilvolles Dong! die intime Beziehung zwischen Bordstein und Reifen offiziell werden lässt, erwache ich aus meiner Paralyse. Ich kurble wie eine Wahnsinnige und wiederhole das Manöver, während ich mir selbst wiederholt Keine Panik! zuschreie. Aber das mit der Autosuggestion reißt es jetzt auch nicht mehr raus. Meine Seelenruhe ist ein für alle Mal fürn Arsch. David gibt mir gut gemeinte Ratschläge, ich brülle ihn an. Ein durchschnittlich harmonischer Samstagnachmittag. Nach fünf oder sechs weiteren Anläufen schmiegt sich Theo dannendlich – annehmbar gerade in die Parklücke. Während ich mir schweißnasse Strähnen aus dem Gesicht wische, mustert mich ein Typ genüsslich und schlendert dämlich grinsend an uns vorbei. All seine Frauen-Klischees wurden soeben bestätigt. Ein guter Tag für diesen Herrn und die Youtuber dieser Welt. Mittelprächtiger Tag für mich. Denn vermutlich bin ich die Tante, die ihr demnächst bei Youtube seht.

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11.5 Aus dem Leben eines Kleinkinds

„Huuu-nger!“ Ich stampfe mit den Füßen auf. Wenn ich hungrig bin (und zu diversen anderen Anlässen; wir werden darauf zurückkommen), mutiere ich zu einer Dreijährigen. „Hab dich ja gehört“, antwortet David trocken. Kann fühlen, wie mir Pipi in die Augen steigt. Ich brauche jetzt Verständnis, Zuwendung und vor allem NAHRUNG, sonst wird die Dreijährige ganz schnell ganz ungemütlich. Wir gehen weiter, doch in diesem Nest gibt es weder Bäcker noch Supermarkt, nur einen Laden, der Taucherbrillen, Schwimmnudeln und sonstige Badeutensilien vertreibt. Ich bin kurz davor, meine Zähne in ein aufblasbares Krokodil zu versenken, als David auf eine kleine Fressbude deutet, vor der eine ganze Reihe Menschen Schlange stehen. Es gibt einen Gott! Als wir endlich an der Reihe sind, weiß ich immer noch nicht, was es hier eigentlich zu kaufen gibt. Aber weil ich zu schwach bin, um mir darüber großartig den Kopf zu zerbrechen, hauche ich mit versagender Stimme: „Para dos personas, por favor.“ Wie eine Maschinengewehrsalve regnet die Antwort der Verkäuferin auf mich herab. Kein Wort verstanden. Also hungrig gucken und nett lächeln. Wieder feuert die Verkäuferin irgendwas auf mich ab, wieder glotze ich nur verständnislos zurück. Im Zweifel nett weiterlächeln. Hinter mir wird man schon nervös. Ich fuchtel ein wenig in der Gegend rum, die Verkäuferin denkt deutlich sichtbar: „Scheiß Touris“, seufzt leise und beginnt mit der Zubereitung von irgendwas. Kurz darauf halte ich eine riesige Tüte mit warmen, herrlich duftenden Teigdingern in der Hand, welche die Verkäuferin zuletzt noch mit reichlich Zucker bestreut. Ich fühle mich wie sich Kinder fühlen, wenn man ihnen auf dem Rummel eine riesenhafte Zuckerwatte in die Hand drückt, und versenke meine Zähne genießerisch in die warme Sauerei1.

Meine Laune steigt dramatisch. Derart gestärkt beschließen wir, unsere Vorräte in der nächsten größeren Stadt aufzustocken, um die Rückkehr der Dreijährigen nicht unnötig zu provozieren. Aber: Zu spät. Bin heillos überzuckert. Ich turne auf dem Einkaufswagen herum, quäke „Schau mal, was ich kann!“ und stürme voraus in den Supermarkt. Dort gehen mir fast die Augen über. Hier gibt es ALLES. Kurzerhand kullere ich Autoreifen durch den Gang, schichte neue Badteppiche in den Einkaufswagen (beides muss David mir schließlich gewaltsam entreißen) und lege neben den Espressomaschinen spontan ein kleines Tänzchen hin. Und dabei waren wir noch gar nicht bei den Lebensmitteln. In der Gemüseabteilung stapel ich artischockenartiges Obst (?) mit dem verheißungsvollen Namen „Chirimoya²“ in den Wagen, dann noch eine eigenwillige Kreuzung (?) aus Apfel, Birne und Zitrone³. Anschließend galoppiere ich zur meterlangen Fischtheke, bei der man allerdings nur bedient wird, wenn man wie beim Amt eine Nummer zieht. Leider dämmert mir das erst nach einer Viertelstunde vergeblichen Wartens, aber egal, wenigstens Zeit genug, um meine Einkaufswagenkraxelei virtuos zu vervollkommnen. Ich ordere Fisch, den ich nie zuvor gesehen, geschweige denn zubereitet habe und rollere den Einkaufswagen in bester Laune in die Süßwarenabteilung. Hier gibt es ganz cooles Zeug und ich will alles einmal kosten. Als David mir untersagt, eine fünfte „Probierpackung“ Kekse einzuladen, bin ich kurz davor, mich auf dem Supermarktboden zu wälzen und laut loszuheulen. Irgendwie kann er mich aber ruhig stellen (ich glaube er verspricht mir Sticker) und tatsächlich schiebt uns die nette Frau an der Kasse eine große Ladung Star Wars-Sammelsticker zu. Jetzt ist alles wieder gut. Als wir den Monstereinkauf endlich verladen haben, liegt Theo um einige Zentimeter tiefer. Zufrieden nuckel ich an meinem Saft und kuschel mich in den Beifahrersitz. Ich wundere mich kurz, warum in meinem Leben so vieles so alltäglich ist. So alltäglich sogar, dass ich dabei ganz vergaß, manchmal noch zu staunen. Dann fallen mir die Äuglein zu.

1 Meinen Recherchen zufolge waren das „Calientes“ bzw.Porras“, also die korpulenten Brüder der in Spanien äußerst populären „Churros“. Ist im Prinzip sowas wie Krapfen, aber länglich, sündig und SO gut.

2 Definitiv Obst. Weißes Fruchtfleisch, das cremig und süß auf der Zunge zergeht. Leicht zitronig und mmmh…

³ Der botanisch versierte Leser ahnt es längst: Es war eine Quitte. Nachdem ich meine Zähne ganz unbedarft in das Teil versenkt habe, kann ich mich allerdings der Empfehlung anschließen, vom Rohverzehr doch besser abzusehen…

 

11.4 El Pequeño

Abzocke! Touristenfalle! Angewidert gehe ich vorüber. Amoralisch ist das. Ein babylonischer Sündenpfuhl mitten im Gewimmel strohhutbedeckter Erholungssuchender. Überall recken sich Hände in die Menge, sie halten Sonnenbrillen und Lederbänder, Ringe oder Plastikschrott. Habe nie verstanden, warum man Geld für Souvenirs ausgeben sollte. Zumal sich die hier feilgebotenen Qualitätsprodukte aller Voraussicht nach in wenigen Stunden sowieso von selbst atomisieren.

Ein paar Verkäufer werden zudringlich, einer nennt mich Shakira. Fühle mich verarscht, mein Hintern ist sicher doppelt so breit. Wenn du schon versuchst, mich mit sogenannten Komplimenten zum Kaufen zu bewegen: try harder! Meine touristische Contenance zerfließt zusammen mit Restwürde und Visage. Sauheiß hier. Werde nölig. Welcher Vollmongo wollte gleich nochmal herkommen? David starrt mich fassungslos an: Na, du! Verflucht, könnte sein, dass er Recht hat. Das ist jetzt unerfreulich. Ich ringe um Fassung (mäßig erfolgreich) und suche nach Abkühlung für mein erhitztes Gemüt. Vielleicht doch so ein Plastikpropellerdingsbums?

Sagen wir es einmal so: Halte mich für eher eingeschränkt geeignet für Besuche in Hochburgen touristischer Aktivität. Und nun fahren wir nach Ronda, einem laut Reiseführer touristisch regelrecht überfluteten Städtchen südöstlich von Sevilla. Kann‘s kaum erwarten. Mit etwas Glück verliere ich ein Auge, wenn einer der Touriguides mit seinem bunten Fähnchen in der Gegend rumfuchtelt. Ob mich der Straßenhändler dann Jack Sparrow nennt?

Das Städtchen ist süß und selbstverständlich gibt es auch hier etliche Souvenirshops. Während ich an ihnen vorüber schlendere, denke ich über Erinnerungen nach. Wie dekadent, unter diesem fadenscheinigen Vorwand immer noch mehr Besitztümer anzuhäufen. Bedingungslose Kapitalismuskritik brodelt in mir hoch, ich verspüre kurz eine heftige Abscheu gegen Konsum im Allgemeinen. Mein Blick wandert überlegen über die Auslagen der Schaufenster. Plötzlich stoße ich einen spitzen Schrei aus, mehrere Passanten drehen sich zu mir um.

Ich zerre David in das Geschäft, vor einer Keramik-Spardose in Bulliform kommen wir zum Stehen. Ich will, ich brauche!!, blubbert es aus mir heraus. David sieht mich an wie er mich immer ansieht, wenn er denkt, ich habe soeben vollständig den Verstand verloren. Was sollen wir denn jetzt damit? Ich habe mir die Spardose bereits ans Herz gedrückt. El Pequeño, der Kleine, hauche ich verzückt. David sagt nur: Aha. Er macht sich ganz offensichtlich ernsthaft Sorgen um meinen Geisteszustand. Und es wird nicht besser, als er nach dem Preisschild greift. Es kommt ja vor allem auf den emotionalen Wert an, erkläre ich und entreiße ihm das kleine Schild mit dem großen Eurozeichen. Zudem gebe ich zu bedenken: Auch ein Plastikpropellerdingsbums zum Beispiel kann einen großen emotionalen Wert haben, wenn es einen Amoklauf auf einem Straßenmarkt verhindert.

Das sollte jetzt gar nicht als Drohung rüberkommen, aber scheinbar wurde es als solche aufgefasst. Ups. Jedenfalls durfte El Pequeño mitkommen und es sich auf Theos Armaturenbrett gemütlich machen. Seitdem sitzt er da und erinnert uns an Ronda und bedingungslose Kapitalismuskritik.

11.3 Hunger

Es muss ein paar Jahre her sein. Ich lief durch München, es war bitterlich kalt, aber – vermutlich ist mir dieser Tag deshalb so im Gedächtnis geblieben – ich war ausgesprochen heiter, entgegen aller Ratio und sonstiger Gewohnheit. Ich flaniere also vergnügt durch die Stadt, als mein Blick auf einen Mann fällt. Er kauert auf dem Gehsteig, neben sich ein Stück Karton. Darauf hat er in großen Buchstaben einen Satz gemalt: Ich habe Hunger. Ich also voll Gutmensch und so, stürme zum nächsten Bäcker und kaufe dem Mann etwas zu essen. Ein tiefes Gefühl von Selbstzufriedenheit durchflutet mich. Mit dem erhebenden Wissen, eine gute Tat zu vollbringen, und mit der Hoffnung, dass mir in naher Zukunft ein Heiligenschein wachse, gehe ich zu ihm und überreiche ihm strahlend meine Ausbeute. Ich erwarte jetzt nicht, dass er mir die Füße abschlabbert oder sich meinen Namen auf den Unterarm tätowiert. Ein kleines Danke wäre vollkommen ausreichend. Was mir aber entgegenschlägt, ist etwas fundamental anderes: Unverständnis und komplette Irritation. Ich deute auf das Schild, auf dem immer noch ‚Ich habe Hunger‘ steht, der beschränkte Beschenkte versteht jetzt und nimmt Krapfen und Butterbreze großmütig entgegen. Eigentlich hätte ich ihm das Gebäck wieder entreißen sollen und alles selber fressen. Aber zu perplex. Die gute Stimmung ist futsch, die Chance auf einen Heiligenschein wohl auch. Mal ernsthaft, wenigstens seine Marketingstrategie könnte dieser Pisser anpassen. Mit einem Slogan wie: ‚Rolex kaputt‘ oder ‚Arbeit ist öde‘ wüssten wenigstens alle Bescheid.

Wir hatten bei unserer zweiwöchigen Spanien-Tour mittlerweile Valencia erreicht. Oder genauer gesagt einen Campingplatz etwas außerhalb, am Rande eines Vogelschutzgebiets. Kleine Anekdote am Rande: Ich dachte noch allen Ernstes, dass ein Vogelschutzgebiet eine gute Idee sei. Viel Natur und so. Das mit der Natur stimmte auch. Unglücklicherweise handelte es sich hierbei um ein großflächiges Sumpfgebiet. Die Vögel hatten Spaß, weil Nahrung soweit das Auge reicht, Camper hatten Spaß, weil man gar nichts mehr sah vor lauter Mücken. Mit insektenstichgeschwollenen Gliedern und annähernd blutleer schleppten wir uns also in die valencianische Innenstadt. Zur Mittagszeit beschlossen wir, uns durch ein gutes Essen versöhnlich zu stimmen, nahmen Platz auf einer lauschigen Terrasse und orderten Fisch und Paella. Es mundete vorzüglich und wir waren gerade in ein tiefsinniges Gespräch vertieft, als uns ein junger Spanier in gebrochenem Englisch ansprach. Er brauche Geld. Er sei hungrig. Ah ja, irgendwas klingelte da bei mir. Ich ging physisch wie emotional in Abwehrhaltung, hauchte ein eisiges ‚No‘ und wandte mich wieder meinem Essen zu. David aber hielt ihn zurück. ‚You‘re hungry?‘ Der Fremde nickte. ‚So take a seat and eat with us.‘ Der Fremde und ich starrten ihn entgeistert an. Der junge Spanier, etwa in unserem Alter, fing sich aber schnell und setzte sich. Nicht dass wir uns das noch einmal anders überlegten. David orderte einen weiteren Teller, schichtete etwas von seiner Paella darauf und reichte sie unserem Gast. Der schlang, als sei das sein erstes Essen seit Tagen. Und ich stocherte auf meinem Teller herum und hoffte, dass sich irgendwo der Boden auftun möge. Es war also amtlich: Das mit dem Heiligenschein konnte ich mir in diesem Leben abschminken. Ich war hochoffiziell ein Arschloch.

Bild: Jani Leinonen, Anything Helps, 2009-2015 in: ARoS Aarhus / Denmark

11.2 Schranken beschränken

Born-to-be-wild mit einer Prise Highway to Hell. Zwei Wochen, zwei Menschen, ein Plan: Duftende Orangenhaine, wilde Pferde, spanische Gitarre. Yee-haw! Wir ritten in den Sonnenaufgang, umweht von der ganz großen Freiheit. Unser Weg war weit und die Ziele groß: Immer die Westküste Spaniens entlang bis nach Sevilla. Gut 3000 Kilometer, einfache Wegstrecke, versteht sich. Sind wir Luschen, oder was? Doch aller Motivation zum Trotze: irgendwann wurde es zäh. Wir hatten uns einen Stellplatz in Frankreich ausgesucht, der lauschig an einem See lag. Als wir ihn erreichten, spürte ich den Impuls, den Boden zu küssen. Ich war vollkommen fertig. Und hungrig. Und müde. Und überhaupt.

Der Platz war mit einer Schranke versehen – so weit, so gut. Dachte ich. Nachdem wir uns eine umfangreiche französische Bedienungsanleitung zu Gemüte geführt hatten, waren wir nur bedingt schlauer. Natürlich hätten wir auch einfach weiterfahren, am Straßenrand parken oder irgendwen fragen können. Aber unsere Hirne, ich schreibe es der Ermattung zu, hatten den Dienst quittiert. Also mühten wir uns weiter, durchliefen brav die Online-Registrierung bis wir uns schließlich bis zum Zahlvorgang vorgekämpft hatten. Das Gerät akzeptierte nur elektronische Zahlungen (Bargeld wäre zu einfach gewesen), also EC-Karte her und es passierte – nichts. Auch nicht nach dem dritten und vierten Mal. Die Schranke blieb zu. Ich stand mittlerweile kurz vor einem Heulkrampf. Wie schwierig konnte es sein, auf einen fucking Parkplatz zu kommen? Irgendwann entdeckten wir die Nummer der Support-Hotline und weil ich wirklich abgrundtief verzweifelt war, rief ich an. Zu meiner Verzückung stellte sich heraus, dass mein Gesprächspartner in etwa so gut Englisch sprach wie ich Französisch. Ähm ja. Ich schilderte ihm also unsere Lage. Oder sowas in der Art. Mein Schädel war knallrot, ich gestikulierte frenetisch (bringt einen echten Mehrwert, wenn der andere einen nicht sehen kann) und bemühte mich um fließendes Fredenglisch, einem gruseligen Kauderwelsch aus Französisch, Deutsch und Englisch. Hätten meine Lehrer aus Schulzeiten das gehört, hätten sie – mit der vollkommenen Nutzlosigkeit ihrer jahrelangen Bemühungen konfrontiert – sich wohl von einer Brücke gestürzt. Jedenfalls hatte mein neuer Homie am anderen Ende der Leitung irgendwann offensichtlich Mitleid. Die Schranke öffnete sich. Und weil wir so viel Spaß hatten, mussten wir die ganze Chose am nächsten Morgen noch einmal abspulen, um den Parkplatz wieder zu verlassen. Um es auf den Punkt zu bringen: Cette Schranke, c‘est une fucking bitch.

11.1 Zu Hause ist es doch am schönsten

Sechs Uhr fünfzehn. Nur noch fünf Minuten, Mutti. Nachdem ich den Wecker zum dritten Mal in den Snooze-Modus versetzt habe, gibt mir David einen beherzten Tritt. Ist ja gut. Nur noch kurz das Bad finden. Ein paarmal falsch abgebogen, diese Wohnung ist echt lächerlich groß. Kurzzeitig erblindet, das Licht im Badezimmer grenzt an Körperverletzung. Aber schon beim Pinkeln ein erster Glücksrausch: Spülung drücken und fertig. Kaum zu glauben, wie einfach das war. Ich drücke nochmal, weil‘s so schön ist. Als ich den Wasserhahn aufdrehe und mir heißes Wasser entgegenströmt, hüpfe ich wie ein Flummi durchs Bad. Man kann ja über Campen denken, was man möchte. Aber es erdet.

Ich freue mich noch ein bisschen und dann stürme ich aus dem Haus, hinein in den Sturm. Das spanische Wetter fehlt mir ein bisschen, aber zuviel Sonne ist ja eh nicht gut für die Haut. Vermummte Gestalten kreuzen meinen Weg, ich trällere ein fröhliches „Guten Morgen“ und sie sehen mich an, als sei ich nicht ganz dicht. Auch wieder wahr. Als ich in der S-Bahn sitze, versinke ich in Gedanken. Kommt mir vor, als seien wir ewig weg gewesen. Unsere allererste große Theo-Tour, unendliche zwei Wochen lang. Vergnügt grinse ich in mich hinein. Die Frau mir gegenüber sieht mich an als wäre ich auf Crack. Gute Laune macht verdächtig, das hatte ich verdrängt. Bemühe mich also um ein wenig Ernst. Geht besser als ich dachte. Nur die Merkelschen Mundwinkel bereiten mir ein paar Probleme. Aber als der S-Bahnfahrer eine kleine Verspätung durchsagt, kriege ich auch das locker hin. Außerdem schnaube ich genervt, das kommt immer gut. Als mich jemand versehentlich anrempelt, bin ich kurz davor, mich mit ihm zu prügeln. Die Frau gegenüber ignoriert mich jetzt. Ha, Resozialisierung geglückt! Als ich mit großen, hastigen Schritten aus der S-Bahn steige, ist mein Blick entschlossen ins Leere geheftet. Ein sublimer Code für: Ich bin wichtig, ich hab‘s eilig – fuck off, bitches. Links überholen auf der Rolltreppe, Stillstand tötet. Meine Absätze klappern drohend, ich scherze nicht. Die U-Bahn platzt aus allen Nähten und ein hochrot angelaufener Mensch quetscht einen brüllenden Kinderwagen in den überfüllten Gang. Mit hilflosem Gerüttel und vorsprachlichen Lauten wird das Balg bespaßt, doch es steigert sein Gebrüll minütlich. Auf dem hellblauen Hemd meines Nachbarn haben sich unterdessen an Rücken und Achseln ebenso pittoreske wie großformatige dunkelblaue Flecken gebildet. Das ganze Abteil verströmt den Odeur eines Affengeheges. Als sich sowohl Tinnitus als auch Übelkeit bis ins Unerträgliche gesteigert haben und ich wirklich für gar nichts mehr garantieren kann, wird endlich meine Haltestelle durchgesagt. Beim Aussteigen genieße ich intimen Körperkontakt mit ungefähr 30 völlig Fremden und werde dann durch eine gesichtslose Masse an die Oberfläche geschwemmt. Als ich mich ins Büro schleife, fühle ich den dringenden Impuls, mich drei bis fünf Stunden lang zu duschen. Schön, dass du wieder da bist, begrüßt mich meine Kollegin fröhlich. Ich sinke erschöpft auf meinen Stuhl. Schön, wieder hier zu sein.

10.2 Nebel des Grauens

Es war einmal in einem Auto, das Theo hieß. Finster war‘s in jenem dunkel schwarzen Wald. Die Uhr hatte wohl schon Mitternacht geschlagen. Nebel schmiegte sich um das Gehölz, verschluckte das Licht und hüllte die Welt in wabernde Düsternis. Es waren dort zwei Menschen, die schliefen. Na gut, nur einer schlief.

Ich starrte in die Dunkelheit. An Schlaf war nicht zu denken. Etwas stimmte nicht. Ein sonderbares Gefühl hatte mich beschlichen und ließ mich nicht los. Eine dunkle Ahnung vielleicht. Mein Herz pochte schmerzhaft. Ganz still lag ich da und lauschte. Nur das Flüstern des Baches war zu hören und das Rauschen des Waldes. Und dann schrak ich hoch. Ich versuchte zu flüstern, doch meine Stimme überschlug sich. „David, hast du das gehört?“ Ich rüttelte an seinem Arm, er blinzelte in die Dunkelheit. „Da ist jemand“, hauchte ich. Mein ganzer Körper war starr vor Angst. „Jemand schleicht ums Auto.“ Ich hörte die Panik in meiner Stimme. Langsam, möglichst leise, näherte ich mich dem Fenster und spähte in die Nacht. Unter dem dumpfen Licht der Straßenlampen sah man einen Mann. Der Nebel zerrte an ihm und ließ ihn verschwimmen. Er hatte etwas Rotes bei sich, einen Rucksack vielleicht. Ich wagte kaum zu atmen. Als David neben mir erschien, deutete ich wortlos und starr auf den Unbekannten.

Der sei doch reichlich weit weg, stellte David fest. Und außerdem marschiere er in die entgegengesetzte Richtung. An diesen Beobachtungen war formallogisch nicht direkt was auszusetzen. Ruhigen Schrittes ging der Unbekannte weiter bis der Nebel ihn vollends verschluckte. Aber da ich noch immer schlotterte, erbot sich David, trotzdem mal nach draußen gehen und nachzusehen. Wenn es mich denn beruhige. Das tat es irgendwie. Aber irgendwie auch nicht. Vielleicht schlich da draußen ein Serienkiller rum. Überhaupt wäre Stephen King wohl hingerissen vom dargebotenen Szenario: ein junges Pärchen, Wald, Nacht, Nebel. Yeah.

Als David (lebend!) zurück in den Wagen kletterte, war ich so erleichtert, dass ich ihn mit meiner Umarmung fast erdrosselte. Als er wieder atmen konnte, versicherte er mir, dass da draußen niemand sei, dass ich bestimmt ein Tier gehört habe und mich jetzt wieder schlafen legen könne. Genau das tat ich, brav und artig und um nicht als vollkommene Irre in die Annalen einzugehen. Seltsamerweise fiel ich sofort in einen tiefen, traumlosen Schlaf. Und als sich am nächsten Morgen die Nebelschwaden verzogen hatten und die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume blitzten, lag der Schwarzwald vor uns in all seinem märchenhaften Kitsch. Und das Gezeter der letzten Nacht erschien sogar mir ein klitzeklein wenig hysterisch.

Aber vielleicht sollte ich bei Gelegenheit den alten Stephen anrufen. Ich hätt‘ da mal ein paar Ideen.